Montag, 17. Januar 2011

Die Langsamkeit des Seins




Die schnellste Art Geschwindigkeit abzubauen ist ein Besuch in einem Restaurant. Unsere persoenlichen Ubersetzungen des Menues deckte sich erstaunlicherweise an einigen Stellen recht wenig mit den uns dargebotenen Speisen. Das Ganze lag zwischen interessant bis erstaunlich. Ein tieferer Blick in die ein oder andere Seite des Sprachfuehrers scheint uns demnach eine gute Idee zu sein. Der Salat wurde von einer dicken Zitronenecke begleitet, was ich als Dressing des Hauses wertete. Ich neige in der Regel nicht dazu regionale Auspraegungen zu hinterfragen und neige aber definitv dazu mit hoher Geschwindigkeit zu essen. Meine Mitmenschen behaupten dies zumindest. Ich fuer meinen Teil wuerde es eher als effektiv bezeichnen. Mit der letzten Gabel Salat auf der Gabel, kam die Bedienung mit dem Dressing um die Ecke und stellte Selbige zeitgleich mit dem Herunterschlucken des letzten Bissen voellig selbstverstaendlich neben mir ab und ging. Gaby hatte noch einen halben Salat vor sich und ich verzichtete kurzerhand auf mein Loeffelchen Essig als Degustiv zu ihren Gunsten. Ueberhaupt hatten wir ganz vergessen das hier viele Dinge im taeglichen Leben einem festen Ablaufritual unterliegen. Dementsprechend musste der bestellte Espresso von Gaby zunaest von der Kellnerin aufgenommen werden, damit sie sich mit dieser Bestellung in einer kleinen Warteschlange vor einem Kassenhaeuschen einreihen konnte. Der Herrscher der Kasse erzeugt daraufhin zwei Zettelchen. Ein Zettel wandert an einen Sammelplatz und der Andere zum Mann hinter dem Tresen. Mit Abschluss der Heissgetraenke- Erzeugung bekommt unsere Kellnerin den Kaffee nur gegen Vorlage des zweiten Zettels ausgehaendigt. Dieser wiederum befindet sich am andere Ende des Restaurants beim Zweitdurchschlagsammelplatz und darf nicht schon vorher mit sich gefuehrt werden. Dieses Zettelritual haelt den ganzen Laden steandig in Bewegung und sorgt bei allen Besuchern fuer ausgepraegte Gelassenheit. Wir werden uns hoffentlich in den naechsten Tagen auch in unseren Koepfen ein Stueck weit entschleunigen. Beim Essen rechne ich bei mir allerdings weniger mit echten Erfolgen. Es ist ein bisschen merkwuerdig wieder hier zu sein. Wir beide hatten nach der Landung in Santiago das Gefuehl von Unwirklichkeit. Das legt sich aber bestimmt in den kommenden Tagen. Spaetestens, wenn wir wieder auf zwei Raedern unterwegs sind. Morgen holen wir wahrscheinlich die Motorraeder aus dem Container. Wenn alles gut geht wollen wir dann nach Argentinien. Heute Abend treffen sich alle "Containerinsassen" bei Martina zum Grillen. Unsere persoenliche Cabaña in Martinas Garten ist ganz prima. Wir schlummern im ersten Stock des Gartenhauses und koennen an Fussende unseres Bettes eine Luke zum Dach aufstossen. Ob diese Konstruktion einen Rueckschluss auf den allgemeinen Fusspflegezustand der Besucher zulaesst?

Schoene Gruesse aus dem sonnigen Valparaiso.

Samstag, 15. Januar 2011

Regional und doch befremdlich

Wie weit muss man fahren, um Neuland zu entdecken? In der Regel reicht ein kleiner Ausflug mit der Regionalbahn, damit man im Handumdrehen Neues entdecken kann. In unserem Abteil saß uns eine Frau gegenüber, die nach kurzer Zeit damit began einen ihrer kniehohen Stiefel auszuziehen. Kurz danach zauberte sie eine kleine schwarze Stiefelette aus ihrer Handtasche. Eine nicht zwei. Und sie zog auch nur diese Eine an. Also rechtes Bein kniehoher heller Lederstiefel, linkes Bein kurze schwarze Stiefelette. Erst eine halbe Stunde später tauchte auch die zweite Stiefelette aus der kleinen Handtasche, zusammen mit einem Kleinkind großem Plastiksack, auf. Wir hatten uns eigentlich in der Zwischenzeit an die Kombination gewöhnt und bedauerten fast die Rückkehr zur Normalität. Zwischen dösen und einschlafen zuckelte die Bahn dahin. Und es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, in Handtaschen immer Notrationen an Lebensmittel mit sich zu führen sind. Schließendtlich ist jeder Schritt vor die Haustür auch irgendwie ein Aufbruch in die Ungewissheit. Gaby hatte eine kleine Notration Kirschen dabei und zwei weitere mitreisende Frauen hinter uns, begannen instinktiv nach 20 Minuten Reisezeit damit munter aus ihren Handtaschen zu mampfen. Reisen macht halt hungrig. Kurz vor dem Aussteigen konnten wir noch einen dirigierenden Manager im leeren Zugaabteil beobachten. Mit Headset ausgestattet schritt er in der ersten Klasse auf und ab und gestikulierte zu seinem Gespräch mit weit ausschwingenden Armen. Wahrscheinlich der Schlußakt - aber bitte forte. Wir haben mittlerweile dank merkwürdiger Gepäckstücke einen Sprengstoffcheck hinter uns. Unsere Helme mit den Kabeln von der Helmsprechanlage waren den Beamten dann doch ein wenig unheimlich. Nachdem sich aber nur Kopfschweiß und kein Schwarzpulver finden liess wünschte man uns recht bald eine gute Reise.
Soviel von nah. Jetzt gehts nach fern.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Wie viel von was macht Wenig zu Viel?

Ich weiß wirklich nicht warum sich kurz vor der Abfahrt die Mengenfrage immer wieder aufs Neue stellt. Und dabei ist nicht ein Relikt aus der pädagogischen Experimentierphase der 70’ Jahre gemeint, bei denen die Älteren unter uns einen kleine Plastikschachtel mit lauter Rechtecken, Kreisen, Dreiecken und Quadraten in ihrem Ranzen hatten, mit denen sie spielerisch die Schnittmenge erlernten. Nein, die Mengenfrage beim Wegfahren ist da viel profaner. Reichen 5 Unterhosen für 6 Wochen? Sind 6 die Nummer sicher? Oder sind 3 eventuell auch genug? Denn wenn man das am Körper befindliche Exemplar brav mitzählt, kommt man bei 3 eigentlich schon auf 4. Was rein zahlenmäßig nicht schlecht klingt. Wenngleich mir persönlich die Zahl 5, ganz unbenommen von irgendwelchen Volumina, deutlich sympathischer ist. Eine wirklich verbindliche Antwort auf meine Fragen suche ich in der Regel vergebens. Trotz aller mittlerweile begangenen Reisen kann ich mich nie daran erinnern, wie viel ich von was dabei hatte. Und was viel wichtiger wäre, was ich besser zuhause gelassen hätte. Bei einigen wenigen Dingen gelingt mir das. Doch bei Kleidung leide ich ganz eindeutig unter Socken und Unterhosen-Alzheimer. Da ich nicht dazu neige über meine Packhistorie Buch zu führen ereilt mich diese Frage immer wieder aufs Neue. Ganz nebenbei fände ich es zwar aktuell recht hilfreich aber irgendwie auch merkwürdig bis kauzig eine Sockenliste zu führen. So startet der Packvorgang meist mit einer kleinen Menge, die im Nachgang um das ein oder andere Reservestückchen erweitert wird und mündet im eigentlichen Einpacken. Spätestens unförmige Ausbeulungen und nicht mehr verschließbare Reisverschlüsse mahnen dann zur Reduktion. Dieser Prozess verläuft mehrmals, weil sich gerne immer neue Dinge finden, die sofort an die Stelle der aussortierten Sachen treten. Diesen Umstand habe ich als die eigentliche Ursache der Erinnerungslücken ausgemacht. Ständig neue Impulse geben dem Langzeitgedächtnis keine Chance sich final auf die schließendliche Anzahl von Socken zu konzentrieren. Während der Reise ist man mit tragen und waschen beschäftigt. Und nach der Reise ist sowieso alles egal – auspacken, waschen, wegpacken lautet hier die Devise. So werde ich wohl bis auf weiteres noch einiges solange zusammenstellen, bis ich den Eindruck habe es sollte passen. Und wer weiß, vielleicht gibt es in weiter Zukunft eine Socken-, T-Shirt- und Unterhosenliste. Doch das hebe ich mir für später auf, wenn diese Liste, mitsamt anderer Kauzigkeiten, besser mit dem Alter harmoniert.

Montag, 3. Januar 2011

Lichtblick


Nach vielen Wochen des Wartens ist die Sache jetzt klar. Ein abschließender Röntgenblick brachte die Diagnose: Patient geheilt. Glücklicherweise ist mittlerweile wieder alles zusammengewachsen. Die metallernen Bone-Extensions mit Titannagel und Schrauben bleiben Gaby einstweilen für überraschende Flughafen-Security Momente erhalten. Des Weiteren scheint auch das Winterwetter es gut mit uns zu meinen und gönnt sich eine kleine Kältepause. Die angekündigten, frühlingshaften 10° Grad für Donnerstag lassen auch für unseren Abflug am 15. Januar auf schneefreie Startbahnen hoffen. Insgesamt ein echter Lichtblick für unsere Reisepläne. So wird es nun nicht nur bei einer reinen Kreuzfahrt für unsere Motorräder bleiben. Und solange die aktuellen Bodenunruhen in Chile uns jetzt noch keine neuen Brocken in den Weg werfen stehen die Chancen bestens für unsere kleine Rundreise. In diesem Sinne sagen wir schon einmal vorausschauend suerte und hasta luego.

Samstag, 1. Januar 2011

Eiscontainer

Die Heilung von Gabys Bein lässt nach wie vor Raum für Spekulationen. Einen verbindlichen Röntgenblick wird es erst am 3. Januar geben. Doch der Container war ohnehin bereits bezahlt. Ein Zurück gab es für uns nicht. Notfalls erleben beide Motorräder eine schöne Schiffspassage und dürfen sich in Südamerika die Zeit ohne uns vertreiben, derweil wir mit Bus, Bahn oder sonst wie durch die Lande reisen. Sicher wäre das nicht unsere Wunschvorstellung und wir hoffen das alles doch noch klappt. Am 3. Dezember war für uns der Tag gekommen, an dem die Motorräder in München verladen werden mussten. Glücklicherweise hatte es die Tage zuvor ordentlich geschneit und der Tag für das gemeinsame Einpacken war als kältester Tag der Woche angekündigt. Bei Trockenheit und Sonnenschein wäre es auch viel zu einfach gewesen. Zuvor hatten wir dank unserer unvergleichlich, bestorganisierten Vorbereitungen bis in die frühen Morgenstunden Dinge zusammengesucht und Teile am Motorrad befestigt. Dieser Prozess scheint unvermeidlich für den Beginn all unserer Reisen. Zwei Stunden Schlaf mussten uns reichen als wir uns in den frühen Morgenstunden auf den Weg machten. In München hieß es dann 13 Motorräder und reichlich Gepäck in einen 20-Fuß-Container zu stapeln. Das Puzzle mit nur 13 Teilen beschäftigte uns einige Stunden. Die kleine Suzuki reist im Oberdeck zusammen mit drei weiteren Motorrädern. Frank und Karl hatten diesen Transport bestens organisiert und so passte alles wunderbar. Nichtsdestotrotz hatten sich unsere Füße über den Tag in kleine Eisklötze verwandelt. Nachdem wir nur ein kurzes Stück mit dem Auto gefahren waren, um vor der Heimreise noch etwas zu essen, gestaltete sich der Weg bis zum Restaurant recht eirig. Wie mit fremden Füßen wackelten wir über den Parkplatz und waren froh als wir im Warmen langsam wieder auftauten.






Kleiner, leichter, härter



Bei vielen Dingen ist es wie in der Mode – das Meiste kommt wieder. So ist es auch mit dem neuen Stollenvieh von Gaby. Durch den Unfall waren wir ins Nachdenken gekommen, ob ein leichteres Motorrad als die KTM Adventure beim Reisen nicht eigentlich die bessere Wahl wäre? Geschwindigkeit und Leistung haben bei unseren Reisen bislang nie eine Rolle gespielt. Umgefallene Eisenviehcher aufrichten oder reisemüde Motorräder auf schmalen Brettern in Pickups bewegen mussten wir dagegen hin und wieder. Wir suchten nach einigem Überlegen nach einer Suzuki DR 350 mit "Knöpfchen" in "gutem" Zustand. Abgeliebte und niedergerittene DRs ohne E-Starter gab es schon für eine Hand voll Euros zu erwerben – alle Überraschungen inklusive. Schon vor einigen Jahren hatte Gaby so ein Exemplar mit Geschichte. Dieses Motorrad verfügte damals auch nur über einen Kickstarter, was in manchen Situationen sich zu recht schweißtreibenden Zwischeneinlagen führte. Schön heiß gefahren wollte das gute Stück nach dem Tanken gerne mit Nachdruck gebeten werden. Ein Umstand, der hin und wieder das Ehrgefühl einiger Männer inspirierte sich zu wohlwollenden Nachhilfeunterricht im Antreten hinreißen zu lassen. Nach gut und gerne 50 Versuchen ohne den kleinsten Mucks der kleinen Suzuki, war zumeist das gewinnende Lächeln Schweißperlen gewichen und die selbstsichere Zuversicht wandelte sich in Verzweiflung, Wut oder in ein plötzlich Zeitproblem – "das hatte ich ja total vergessen, ich muss jetzt dringend weiter…". Mit einiger Übung hatten wir herausgefunden wie der kleine Einzylinder leichter anging. Doch trotz aller Tricks und Kniffe gab es immer wieder Momente, wo Stille herrschte und nur der eigene Pulsschlag für Bewegung sorgte und der stossweise Atem das einzige regelmässige rhythmische Geräusch blieb. Dementsprechend ging kein Weg am E-Starter vorbei. Wir fanden ein "fast" neues, altes Motorrad mit schlappen 1.900 km auf dem Tacho. In den folgenden Monaten reiste das neue Familienmitglied fast mehr Kilometer auf dem Hänger kreuz und quer durch Deutschland als es auf dem Tacho hat, um die notwendigen Änderungen über sich ergehen zu lassen. Mit geänderter Federung, niedriger Sitzbank, großem Tank, stabilem Gepäckträger und vielen anderen kleinen Goodies ausgestattet ist die Suzuki jetzt im Reisedress und fertig für Südamerika. Ich werde mit meinem Tankfahrzeug die Benzinversorgung auf der kommenden Reise sicherstellen und in Momenten, wo die kleine Suzuki sich leichtfüssig durch die Erde gräbt versuchen mit meinen Eisenhaufen zu folgen. Das Schaffell auf der Sitzbank ist der Versuch der abgepolsterten Sitzbank einen Hauch von Bequemlichkeit zu geben. Aber selbst wenn dieses Fell noch seine Haare sträuben könnte, haben wir einen gewissen Verdacht, das dieser Sitzplatz auch dann noch keine Oase der Gemütlichkeit werden wird. Aber vielleicht kann man dieses Problem auch einfach aussitzen?

Ungeplante Abenteuer





Mit der Zusage für den Containertransport nach Valparaiso machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg in die Schweiz. Das KTM Adventure Treffen in der Schweiz verhieß ein vergnügliches Wochenende zu werden. In Bure angekommen schlugen wir unser Zelt auf, um am nächsten Morgen ein paar Runden auf einer abgesteckten Strecke zu drehen. Die Sonne brannte ordentlich vom Himmel und von Matsch bis Staub war alles für eine natürliche Tönung von Fahrer und Maschine vorhanden. Kurz nach der Mittagspause stürzte Gaby an einem schmalen Trail und brach sich das Schienbein. Ab diesem Moment gestaltete sich unser kleiner Wochenendausflug deutlich anderes als wir es uns vorgestellt hatten. Ein Krankenwagen holte Gaby schnell ab und fuhr sie kurzerhand ins nächste Krankenhaus. Nur in welches? In der Hektik hatte ich ganz vergessen nach der Stadt zu fragen. Nachdem ich Gabys Motorrad und ihre Sachen zur zusammengesammelt hatte fuhr ich kurzerhand zielsicher in die falsche Richtung. Im richtigen Krankenhaus angekommen hatten die Ärzte in der Zwischenzeit beschlossen Gaby mit einem Krankenwagen nach Saarbrücken zu transportieren, damit sie dort noch in der Nacht operiert werden könnte. Der Schienbein war glatt durchgebrochen als sich die KTM auf den Unterschenkel ablegte. Jetzt galt es das zweite Motorrad irgendwie wieder nach Hause zu bekommen und die ganzen Klamotten von uns beiden auf einem Motorrad unterzubringen. Und noch während ich in Gedanken versunken vor dem Krankenhaus neben meinem total zugedrecktem Motorrad stehe spricht mich plötzlich ein freundlicher Schweizer an. Er hätte die ganzen Aufkleber auf meinen Koffern gesehen und fragte mich ob ich dort überall gewesen wäre. Ich beantwortete seine Fragen mit den wenigen Worten französisch, die mir aus der Schulzeit noch irgendwie in meinem Gedächtnis hängen geblieben waren und erzählte kurz von unserer Reise. Und noch während ich nach Worten rang und parallel mit meinen Gedanken ganz woanders war, drückt der gute Mann mir urplötzlich 20 Franken in die Hand und wünscht mir eine gute Reise. Und schwupps war es auch schon um die Ecke. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die unwirkliche Situation nicht tatsächlich erfasst. Erst als ich wieder auf dem Campinggelände angekommen war wurde mir bewusst was ich kurz zuvor erlebt hatte. Ich weiß keinen Namen und bin mir noch nicht einmal sicher ob mir Zeit blieb, um merci zu sagen. Vor Ort schoben wir die KTM kurzerhand auf einen Hänger und ich packte und stopfte alles ins und aufs Motorrad. Gegen 22:00 Uhr hatte ich soweit alles zusammen, um endlich loszukommen. Mit schweren Sommergewittern im Nacken erreichte ich als einziges Fahrzeug den kleinen schweizer Grenzübergang und wurde mit dem zugeschlammten Motorrad gründlich befragt. Die Kollegen von der Grenze hatten aber bereits über Polizeifunk von dem Unfall gehört und so konnte ich recht bald weiterfahren. Die Regenklamotten und die GoreTex Inserts hatten wir aufgrund der Wettervorhersage Zuhause gelassen. Diesen Umstand nahm sich das Wetter prompt zum Anlass, um mir auf den knapp 300 Kilometern nach Saarbrücken zu zeigen, was ein ausgewachsenes Sommerunwetter zu leisten vermag. In Straßburg angekommen musste ich von der Autobahn abfahren, weil nichts mehr ging. Die Stiefel waren schon lange randvoll und die Autobahn hatte sich scheinbar in einen Seitenarm des Rheins verwandelt. Mein Wunsch auf der Autobahntankstelle die schlimmste Phase des Unwetters im Warmen abwarten zu können sollte sich nicht erfüllen. Die Tankstelle war geschlossen und ein Rockertrio hatte es sich kurzerhand vor dem Nachtschalter bequem gemacht. Ich leerte also meine Stiefel aus und suchte mir etwas trockenes zum Anziehen aus den Koffern und gesellte mich zu den Dreien. Ein gut gealterter Rocker lag dort lang ausgestreckt mit seiner Freundin dort herum. Er wärmte sich die Hände an den Brüsten seiner Braut indem er breit grinsend seine Pranken kurzerhand von oben in das Nieten beschlagene Lederbustier hinein schob. Die anerkennenden Blicke seines jüngeren Rockerkollegen auf sich ziehend zelebrierte danach noch das ganze Programm an Klischees. Ich wunderte mich über nichts mehr. Es war eher so, als ob ich alles wie in einem Film von außen betrachten würde. Als auch noch der Blitz in die Tankstelle einschlug und schlagartig alles dunkel wurde schien mir diese Szene als logische Konsequenz im Handlungsstrang dieses Tages. Gegen 3:00 Uhr morgens hatte ich es geschafft diesem Film zu entsteigen und war endlich in Saarbrücken angekommen. Gaby war erst kurz vor mir in Krankenhaus angekommen und wurde am nächsten Tag operiert. Die anfänglichen Prognosen von 6 – 8 Wochen Heilung sollten sich nicht erfüllen. Doch dies wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.